Schrift im und am Kino
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Lichtspieltypo

Wie jeden Sommer öffnen allerorts Freiluftkinos ihre Pforten und für die stationären Lichttheater bricht eine zähe Saison an. Allerhöchste Zeit, sich daran zu erinnern, welche kulturelle Bedeutung Kinos schon allein in typografischer Hinsicht haben.
Schrift ist aus dem Film nicht wegzudenken. Der unlängst erschienene »Vor der Morgenröte« etwa arbeitet mit feinen Letterpress-Stills als Zwischentitel und schlägt so eine elegante typografische Brücke zwischen dem Schriftsteller Stefan Zweig und dem gedruckten Wort; die Kinofassade, wie sie sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat, ist ein charmantes, hintergrundbeleuchtetes Schienensystem für bunte, immer leicht unregelmäßig angeordnete Schiebelettern. Viele Abspänne sind typografisch beachtenswert, gar nicht zu reden von zahlreichen spannenden Schriftzügen und Logos diverser Filmfirmen, die den Vorspann einleiten.
Viel Licht, viel Spiegel, grandiose Interpretation des Begriffs »Lichtspiel«: Das postmoderne Portal des Cine Centers – ein Stil, der bald wieder in Schwung kommen wird nach Jahren der Häme – erinnert an das Goldene Zeitalter des Kinos, bevor die großen Kinokomplexe sich vor allem in vorstädtischen und ländlichen Regionen breitgemacht haben. Die Lettern aus der Helvetica wollen allerdings nicht so recht in den Art-déco-inspirierten Rahmen passen.
Akut von der Schließung bedroht ist das aktuell älteste bespielte Kino der Welt im Wiener Vorstadtviertel Breitensee: Die Breitenseer Lichtspiele sind ein legendäres und familienfreundliches Programmkino – vermutlich das letzte mit Holzbestuhlung. Hier bekommt man analoge Streifen von Laurel & Hardy oder Winnetou serviert, die sich sonst nur bei Streamingdiensten finden lassen.
Die Beschriftung zeigt einen eleganten Mix aus moderner Konstruierter und dazu passender Schreibschrift der schlichteren Art.
Cinephile Juwelen: ambitionierte Ankündigungen über dem Eingang zu den Breitenseer Lichtspielen.
Originell sind die abgekürzten Filmtitel auf der Anzeigetafel vor dem Votiv Kino in Wien-Alsergrund. Hier geht konsequente Gestaltung über den Inhalt.
Das Buffet des Wiener Admiral Kinos ist ein richtiger Retroshop: kein Produkt, das es nicht schon seit Jahrzehnten zu kaufen gibt. Sehenswert sind auch die Kleinodien in diversen Kinofoyers.
Auch wenn hier keine XXXL-Popcorneimer und 1,5-Liter-Becher Cola angeboten werden: Allein diese Details machen es mir stets aufs Neue leicht, die großen Kinozentren links liegen zu lassen und mein Glück in kleinen Premieren- und Programmkinos zu suchen – und zu finden.
PS.: Die Kinokultur wird zum Glück allein in Wien von viel mehr Häusern getragen, als in diesem Newsletter beispielhaft gezeigt werden können.
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