Typografie in den eigenen vier Wänden
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Homestory

»Dies Haus mag tatsächlich eine Art von Gefängnis sein, aber die Ketten sind von dem reinsten, feinsten achtzehnkarätigen Gold, und die heiligen Brüder würden sie gern auf den Knien liegend küssen.«
(Flann O’Brien, Das harte Leben, 1961; aus dem Irischen von Annemarie Böll und Heinrich Böll)
Es wird wohl noch ein bisschen dauern, bis wir wieder uneingeschränkt ins Freie dürfen. Hoffentlich wird es keinen Kahlschlag in der Infrastruktur geben, hoffentlich werden die schönen Geschäftsbeschriftungen auf der Straße nicht weniger werden. 
In der Zwischenzeit wollen wir die eigenen vier Wände nach allem abgrasen, was Schrift enthält. Ein typic.at.letter aus meinem privatesten Lebensbereich, schonungslos, unverstellt, nah. 
Schon beim Frühstück ist die Welt voller Wunder.
Da gibt es zum Beispiel die Espressokanne mit ihrem charismatischen Maskottchen und dem Schriftzug von so beiläufiger Eleganz, für die speziell italienisches Design geliebt wird. 

Die Eier kochen derweil in einem alten Topf der Schweizer Firma Bodum. Ähnlich wie der geprägte Bialetti-Schriftzug ist der gravierte Name in modernen Outline-Lettern gestaltet.
Ebenfalls aus Italien kommt der Deckel des prachtvollen Marmeladeglases, gesetzt aus mindestens vier Schriftarten. Mit diesem Bild sei das schwer gebeutelte Land gegrüßt.
Müßig zu erwähnen, dass das Drehgelenk der Esstischleuchte nicht täglich geputzt wird. Es geht hier aber nicht um das gepflegte Staubfläumchen, sondern wieder um die hohe Kunst der italienischen Logotype: Ein ähnlicher Designklassiker wie Bialetti ist die Lampe von Artemide, und deren allerschönstes Bauteil ist das Metallgussteil mit Relief-Schriftzug. Sehr subtil und gleichermaßen kräftig und in unserem Haushalt bislang nur von mir beachtet.
Willst du Altertümer entdecken, musst du auf die Suche gehen.
Weil unter den gegenwärtigen Bedingungen ohnehin zu wenig Bewegung gemacht wird, lege ich mich unter Möbel, steige auf Leitern und verrücke sogar das alte Sideboard aus den 1960er Jahren, das in der Werkstätte von Ernst Kroupa, Wien 16, hergestellt wurde. Unter einem renovierungsbedürftigen Lehnstuhl werde ich ebenfalls fündig, da klebt die anmutigste Nummer 24, die mir je untergekommen ist. Sie stammt vermutlich aus den 1920er Jahren.
Im Homeoffice erfreuen zumindest der siebbedruckte Tischrechner und die geprägte Klarsichthülle von Staples das hungrige Auge.
Hübsche Details enthält die Kuvertschachtel. 
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass typic auch in der Heimarbeitsphase erreichbar ist. Unter typic@typic.at kann das nächste Buchprojekt punktgenau platziert werden. Auch die Telefonnummer +436648565806 funktioniert wie gewohnt.
Zwischendurch wird dem Nachwuchs auf die Finger geschaut, der seine Schulsachen ebenfalls in Heimarbeit erledigen muss. Vierte Klasse Gymnasium, da gibt es viel zu tun.
Glücklicherweise existiert auch im Jugendzimmer ein bisschen Typografie, die sich zu einem Foto arrangieren lässt. Hier drei jahrzehntealte Schriftzugklassiker, zeitlos und charakterstark
.
Zeit zu spielen. Der jugendliche Mitbewohner will nicht mehr länger Alibi sein für meine Runden mit kleinen Lokomotiven, also baue ich die Bahn alleine auf und habe genug Ruhe, um das rollende Material nach schriftlichen Informationen abzusuchen. Was hier im Maßstab 1:87 an typografischer Präzision möglich ist, ist faszinierend und für mich ohne technische Hilfsmittel nicht mehr zu entziffern.
Ein Plakat als Reminiszenz an die typografische Gruppenausstellung »Subtext: Typedesign« vor drei Jahren, als es noch ein gesellschaftliches Leben draußen gab.
Darf derzeit in keinem Haushalt fehlen: Desinfektionsmittel für die Hände. Dass die Mikrotypografie nicht so hochprozentig ist wie der Inhalt, tut der Freude über dieses handbeklebte Zeitdokument keinen Abbruch. Wichtig: Wirkt nur mit ZAP-Sticker im Hintergrund.
Graviertes, Gedrucktes, Geprägtes: Durchsucht einmal eure Wohnung, und ihr werdet euch wundern, in welch kleinen Details sich Kleinode der Typografie verstecken.
Macht ein Foto davon und schickt es mir. Wenn genügend Material zusammenkommt, gibt es einen Folgeletter mit euren Heimbeschriftungen!
Geprägt in Blech und Leder bekommt sogar der leicht fantasielose Birkenstock-Schriftzug etwas Verwegenes.
Oder auch nicht.
Die Pantoffeln versinnbildlichen die Homestory jedenfalls besser als alles andere bisher Gezeigte.

Möge niemand von uns aus den Latschen kippen.
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